C: Seami und Nō

Der Webseitengestalter muß gestehen, daß er – auch während seines Aufenthalts in Japan – keinerlei Beziehung zum Nō bzw. japanischen Theater allgemein entwickelt hat. Eine Kommentierung desselben aus eigener Kenntnis unterbleibt daher. Es wird nachfolgend auf Ansichten andrer zurückgegriffen. Bohner erklärt seien Schreibung Seami, damit, daß dies der Aussprache im Deutschen näher käme als das international übliche Zeami

Vorbemerkung

Nō-Kostüme und -Masken

Nō-Kostüm, Brokat, goldener Stoff mit Blumenstickeeien.
Nō-Kostüm, lindgrün mit stilisierten runden Blüten aufgestickt.
Nō-Maske, mit Teufelshörnern, schwarzem, mittig gescheiteltem Haar aufgemalt, prominente Nase, offener Mund
Nō-Maske, oval, ockerfarben, ohne hervorgehobene Merkmale.

Den zentralen Bereichen des Regnum (王道) und Sacerdotium (法道), wie sie Jinnō-Shōtōki (№  1) und Shōtoku Taishi (№ 2, № 3) zeigen, schließen sich die im Tiefsten aus jenem Zentralen gespeisten Bereiche der Kunst und Ausdrucksgebung an: Plastik, Theater, Dichtung, Musik, – Bereich an Bereich, Jahrhunderte hindurch wachsend, jeder Bereich für sich im Japanischen grosse menschheitliche Leistung. Sachliche Betrachtung ist im Japanischen besonders not; oberflächliche oder schwärmerische, wie sie den Künsten gegenüber so leicht sich gibt, führt ins Abwegige. Bahnbrecher des Japan-Verstehenwollens wie Lafcadio Hearn[1] sind daran gescheitert.

Nō, oft das japanische klassische (oder auch lyrische klassische) Drama genannt, ist eine Gesamtschöpfung, welche als solche derjenigen griechischen Dramatik an die Seite gestellt werden mag, die Jahrhunderte der Frühzeit, Asuka-, Nara-, Heian- gewachsen, dann auf der späten vollen Höhe japanischen Mittelalters in der Zen-erfüllten Muromachi-Zeit (= Ashikaga; 1333/6 oder 1392 bzw. 1473 bis 1568/73) von den großen Kanami (1333-1384; 顴阿彌) und seinem ihn überragenden Sohn Seami (Oft umschriftlich, so auch Bohner in seinen frühen Werken, Zeami (1363-1439), d. i. Yūsaki Motokiyo 世阿彌) zu dem gemacht und vollendet, als welches wir heute Nō kennen. – Wie die griechische Dramatik als große unvergängliche Gesamtschöpfung des Griechentums, so wird die japanische Nō-Dramatik mit ihren Hunderten von und Kyōgen als die große Schöpfung japanischen Geistes und Volkes erkannt werden müssen. Aus ihr, wie aus einem Sproß, wächst Kabuki, heute von hervorragendem amerikanischem Theaterfachmann als höchste Schauspielleistung der Welt gepriesen, sowie das in seinem Reichtum noch so gut wie unmoderne japanische Theater.

Kanami, der Vater, ist der Initiator des großen Nō; Seami der Sohn, ist derjenige, welcher es zu höchster Entfaltung und Vollendung führt. Mehr als die Hälfte heutiger Nō stammen von ihm; er ist der große Schauspieler der Zeit, der Intendant und Nō-Organisator, kurz der Nō-Praktiker und (aus der Praxis her) der Nō-Theoretiker kat' exōchen. Während von Kanami über Nō nichts auf uns gekommen ist, sind von Seami große umfangreiche theoretische Werke, Nō betreffend, die sog. Sechzehn Bu, erhalten geblieben. Als dieselben vor einigen Jahrzehnten aus Jahrhundert-langer strengster Geheimtradition ans Licht der allgemeinen Öffentlichkeit kamen, war dies für die Welt ein erschütternd großes freudiges Erlebnis. Als ich zu übersetzen begann, war Seami von abendländischer Wissenschaft so gut wie nicht berührt. (Man vergleiche daraufhin Nachod's dreibändige Japan-Bibliographie mit ihren 13595 Nummern!) Das gesamte Werk der Sechzehn Bu – von mir übersetzt, liegt schon lange manuskript-druckbereit-fertig vor und wäre im gesamten längst veröffentlicht, wenn der Weltkrieg nicht gekommen wäre.

Die Schriften Seami's sind gewichtiger Natur; sie sind trächtig mit Nō. Das Werk Nō-saku-sho „Buch der Nō-Gestaltung“ (№ 19) gibt ins Einzelnste gehende Anweisung, wie ein Nō geschaffen gestalten ist:

  1. ) „Same“ (Stoff, Fabel),
  2. ) Aufbau, Gliederung jedes Nō, bis in die einzelnen „Sätze“ und Partieen gebend (Vergleichsweise wie bei Sonate oder Symphonie),
  3. ) Wortgestaltung.

Die 3 Haupttypen des Nō werden besprochen, vorbildliche Nō für jeden der Typen genannt. Sonderarten, Kinderrollen, Rollen für Bejahrte besprochen. Das Kleinod-gleiche Werk „Der Neun Stufen Folge“ (Kyū-i-shidai, № 18) stellt in unvergleichlicher treffender Kürze die 3mal 3 Stufen aller Kunst, ja alles wahren Schaffens dar, Goethe's „Wilhelm Meister“ und dessen Lehrling-Geselle-Meister-Stufen verwandt, vortrefflich die Grenzscheide zeigend, über welche hinaus wahre Meisterschaft, wahres Nō beginnt. Kadensho („Der Blume Überlieferung“ d. i. „Weitergabe“), das Leben und seine Lebensalter, Stufe um Stufe durchschreitend, ist eine wahre Schauspielerschule, will dem heranwachsenden, werdenden Menschen die Kunst und mählich ihr Innerstes, „die Blume,“ übergeben. (Da unterdes englische Übersetzung [2] erschienen und so dem Abendländer der Zugang geschaffen ist. stellte ich Veröffentlichung der eignen Übersetzung zurück). Das umfangreiche Werk „Blumenspiegel“ (№ 18) gibt in „Sechs Motto“ und „Zwölf Themen“ die Summa jahrzehntelangen Wirkens und Ringens Seami's, des Meisters. Das fast abruptkurze Shikwa-dōshō (Buch von der höchsten Blume Weg № 19), über die ausführlichen andern Werke wie ein mächtiger Gipfel hinausragend, nennt noch einmal Elementarstes, Wesenselemerate, ohne welche diese Kunst nicht sein noch leben kann.

№ 16: seami (zeami): von der höchsten blume weg

至花道書 Shik[w]a dōsho, übersetzt und eingeleitet von Hermann Bohner
MOAG Band XXXIV, 13.

1) Die Zwei Weisen (des Nō: Plastik, Tanz—Musik) und die Drei Typen: der Alte, der Krieger, das Weib)
2) „Mies Spiel bedarf des Herrn des Spiels“
3) Rang der Reife
4) Mut, Fleisch und Knochen (Gleichnis, der Pinsel-Schrift entnommen)
5) Von Tai (Substantia) und Yo (Accidens).

№ 17: seami (zeami): der neun stufen folge

Kyū-i-shi-dai, übersetzt und eingeleitet von Hermann Bohner
MOAG Band XXIV, C. Tokyo 1943

Eta Harich-Schneider gewidmet.

Einführung S. 1-11.
Text S. 12-17.

Untere Stufen.
1) grob und bleiern
2) stark und grob
3) stark und fein-achtsam-genau
Mittlere Stufen
4) Muster (Schönes untief). Eingangstor des Lerners,
5) weit-umfassend, durchdrungen, Paßscheide des Auf-oder Abwärts
6) Blume (erstmals) wahr.
Hothstufen
7) Blume leicht und frei
8) Hold-innig-tief. „Schnee decket tausend Berge, einsamer Gipfel ragt und ist nicht weiss.“
9) B1ume Wunder. „Worte versagen, Herz und Sinnen stehn still.“

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№ 18a: seami (zeami): blumenspiegel (花鏡 kwakyo, hana-no-kagami)

I. Teil: Die Sechs Motto (Daimoku Rokka-jō)
Tōkyō 1953. OAG

№ 18b: seami (zeami): blumenspiegel (花鏡 kwakyo, hana-no-kagami)

Zweiter Teil: Die Zwölf Themen (Kotogaki [Jisho])
OAG Tōkyō, 1954

  1. ) Vom richtigen Gefühl für Zeit und Augenblick
  2. ) Von Anfang-, Mittel- und Endspiel
  3. ) Vom Wissen um den Weg des Lernens
  4. ) Von des Meisters Wissen um das Ergreifende
  5. ) Vom Untiefen und vom Tiefen (Vom Kleinen und vom Grossen)
  6. ) Vom Eingehen in den Bereich des hohen Schönen
  7. ) Vom Vorsicht-üben bei dem Zu-Jahren-kommen
  8. ) Vom Einen Herzen, das das Zehntausendfache Spiel (wie) am Faden hält
  9. ) Vom Wundersamen
  10. ) Von der Aufnahme (des Spiels durch die Zuschauer)
  11. ) Von Ongyoku (der Musik)
  12. ) Vom Geheimen (Abschluss und Summa)

Beide Teile: Wiesbaden 1953-54 (Harrassowitz in Komm.), Mitteilungen d. Deutschen Gesellschaft für Natur- u. Völkerkunde Ostasiens. 34 A, 1,2

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№ 19: seami (zeami): nō-saku-sho (能作書, buch der no-gestaltung)

Tōkyō 1954 OAG

Deutsche Ges. f. Natur- u. Völkerkunde Ostasiens; Wiesbaden 1954 (Harrassowitz in Komm.), 53 S., 8°; Schriftenreihe: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens; 34, D

Einleitung S. 1-23
Haupttext S. 24-37
Anmerkungen S. 38-53

Digitalisat № 18b: pdf pdf oder djvus » hier als djvu.

№ 20: nō

von Hermann Bohner „umfangreiches Werk über Nō, von dem Japanisch-Deutschen-Kulturinstitut Kyōtō vor mehr als einem Jahrzehnt zur Veröffentlichung übernommen. Drucklegung wegen Atombombengefahr zurückgestellt. Teile davon erscheinend.“

№ 20a: „gestalten und quellen des nō“

von Hermann Bohner. Herausgegeben von der Zeitschrift Gakuhō (Osaka University of Foreign Studies) und OAG. Tōkyō-Osaka 1955.

Hrsg. von d. Zeitschrift „Gakuhō“ Ōsaka-Gaikoku-go-Daigaku u. d. Deutschen Ges. f. Natur- u. Völkerkunde Ostasiens; Tōkyō; Leipzig 1955 (Harrassowitz in Komm.), 1955; 70 S. 8°; Schriftenreihe: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens 34, E);

  1. ) Die Gestalten. Der grundlegende Charakter der Erst-bis Fünftspiele sowie dementsprechend ihre Gestalten. Zeitliche und örtliche Entfaltung der No und ihrer Gestalten
    a) Urzeit
    b) Rezeption
  2. Quellen d. i. Quellenschriften
    1) Japanisches a) Epische Werke b) Lyrik
    2) ohne besondere Quellen
    3) Chinesisches

Digitalisat № 20a: » bei der OAG oder djvus » hier als djvu.


Weitere von Bohner verfaßte Schriften zum Nō und Übersetzungen der Werke Seamis, die nach Erscheinen seines Werksverzeichnisses veröffentlicht worden sind. Manche der Manuskripte [Ms.] sind im OPAC der UB Trier nachgewiesen, werden aber als „nicht verfügbar“ geführt. Gedrucktes in der Staatsbibliothek Berlin [1/1a] und vielfach in den Präsenzbeständen der deutschen Bücherei Frankfurt und Leipzig [DDB] sowie der pfälz. LB Speyer. Es konnten jedoch nicht alle Werke in Deutschland nachgewiesen werden. (Es steht zu vermuten, daß sich die meisten noch im Fundus seiner Universität befinden.)