Veröffentlichungen in Kriegsgefangenschaft
(Nov. 1914 bis Dez. 1920)

Im Kriegsgefangenenlager Bandō


Die deutsche Kolonie Tsingtao, 1912.
Verteidigungsstellungen von Kiautschou Ende 1914.
Die Verteidigungsstellungen von Kiautschou Ende 1914. 

Von Adi Meyerhofer.

Dieser Abschnitt findet sich nicht im zugrundeliegenden Werk, er wurde für die Website neu geschaffen. Die vorliegenden Informationen stammen im wesentlichen aus den „virtuellen“ Ausstellungskatalogen des Deutschen Historischen Museums („Der Chor der Gefangenen,“ 27. März bis 19. Juli 1998) und der Bando-Sammlung des Deutschen Instituts für Japan-Studien (DIJ). Hilfreich zum allgemeinen historischen Zusammenhang war auch die Seite tsingtau.info: „Historisch-biographisches Projekt von Hans-Joachim Schmidt (seit 2002).

Die japanische Kriegsgefangenschaft in Japan gilt heutzutage im allgemeinen als „gemütlich“ (besonders wenn man die Behandlung von Kriegsgefangenen im zweiten Weltkrieg durch die japanische Armee als Maßstab nimmt). Das trifft allenfalls für das 1917 eröffnete Lager Bandō zu. Besonders die hygienischen Bedingungen waren in anderen Lagern in der Anfangszeit extrem schlecht. Die Unterbringung erfolgte teilweise in unheizbaren Tempeln. Die meisten Gefangenen litten unter der für sie ungewohnten japanischen Verpflegung. Offiziere hatten nur „freie Unterkunft,“ ihre Kost usw. mußten sie von einem ihnen durch das japanische Kriegsministerium zugestandenes Gehalt selbst bezahlen. [7] Auch waren sie lange von Unterstützungszahlungen der drei deutschen Hilfsausschüsse im Lande ausgeschlossen. Ausbruchsversuche wurden entgegen den Bestimmungen der Haager Konvention mit Zuchthaus bestraft. Insgesamt gelang es vier Offizieren aus Japan zu fliehen. Einer davon erreichte über Rußland das Reichsgebiet vor Kriegsende.

„Nach Aussagen von Mannschaften, die nach verbüßter Strafe von Takamatsu [Zuchthaus] ins Lager zurückgekommen sind, ist die Ernährung im Gefängnis vollkommen unzureichend. Beschwerde des Seesoldaten B. während seiner Haft über das Essen hat dazu geführt, dass er in Ketten gelegt wurde. Das Essen wurde nicht besser. Die Hygiene im Gefängnis ist absolut ungenügend: Ratten und anderes Ungeziefer sind eine unerträgliche Lage in der Zelle.
Der Besuch des deutschen Geistlichen ist seit November 1917 vom japanischen Justizminister nicht mehr erlaubt, und bitten wir höflich dahin zu wirken, dass die Seelsorge wieder aufgenommen wird.
Die nach längerer Strafe zurückgekehrten Leute waren körperlich und geistig vollkommen heruntergekommen.“ (Bericht des Dr. F. Paravinici, Besuch 9. Juli 1918)

lager matsuyama (nov. 1914 bis ende märz 1917)

Schwarz-weiß-Aufnahme eine Tempeltors, rechts davor japanischer Wachsoldat, Kolben am Boden, hinter ihm hölzeres Wachhäusechen. Das Tor links und rechts durch weiße, c. 2 m hohe Mauer abgeschlossen. Im Vordegrund rechts und links Kiefern. Durch das Tor sichtbar die Hauthalle des Tempels, auf den Stufen derselben mehrere Weiße sitzend,.
Der Dairin-ji (大林寺) in Matsuyama, 1916 mit Wachtposten.
„In der damals ca. 40000 Einwohner zählenden Stadt Matsuyama (松山), Hauptstadt der Präfektur Ehime (愛媛県) wurden am 11. November 1914 drei getrennt liegende Unterkünfte für die deutschen Kriegsgefangenen ausgesucht und zweckentsprechend ausgestattet.* Die Stadt stellte die städtische Versammlungshalle „Kokaido“ [公会堂] zur Verfügung. Diese, Buabeginn war April 1891, lag im Südwesten des Ortes an der Bahnlinie nach Takahama (damalige Anschrift 萱町2丁目). An der gleichen Bahnlinie nahe des Bahnhofs wurden einige Häuser des buddhistischen Tempels Dairin-ji für 40 sen pro Tatami (180 ⨉ 90 cm) als Kriegsgefangenenheim und für dessen Verwaltung angemietet. So auch die Nebengebäude in fünf verschiedenen Tempeln im Yamagoe-Tempelbezirk. Die Verteilung der Gefangenen auf die Unterkünfte war folgende: Im Kokaido 177, im Dairin-ji 81 und in Yamagoe-Tempellager 157 Mann, insgesamt 415 Personen. … Auch Kleinigkeiten wurden hart bestraft, z. B. Scherzen mit Frauen, Verkehr mit Unkrautjäterinnen, Trunkenheit, für geschmuggelte Post, nicht befolgte Befehle und Nachlässigkeit mit Feuer. Oftmals durfte nur ein Bogen im Brief geschrieben werden.“ [1]
Mittig auf gelbem Untergrund fein gearbeitet Zeichnung eines Wappen. Zierranken und Austellungshinweis außen.
Hermann Bohner wirkte auch als Schiedsrichter für Kunst bei der Ausstellung 8.-18. März 1918 im Kōkaidō in Bandō (vgl. Führer durch die Ausstellung für Bildkunst und Handfertigkeit Kriegsgefangenenlager Bandō 1918)
„Da wir des Kaisers Gäste waren, wurde jeder Fluchtversuch streng bestraft. Ein jeder musste nun seinen Namen selbst in eine Liste eintragen, jedoch ein großes Schild besagte: ,Wer seinen Namen nicht selbst schreiben kann, soll ihn durch einen Kameraden schreiben lassen.' Und dann marschierte die lange Kolonne nach dem nur einige Kilometer landeinwärts gelegenen Matsuyama, einer Stadt mittlerer Größe, gekrönt von einem alten Daimyo-Schloß. Unser Gefangenenlager, das am Rande der Stadt lag, war das Kokaido, das ehemalige japanische Rathaus. Der Fußboden war mit Tatamis belegt, im übrigen war es von Ratten bevölkert. In den ersten Wochen fingen wir einige hundert dieser grässlichen Tiere, vor denen nichts sicher war. Im oberen Stockwerk waren drei Räume für je 40 Mann, im Erdgeschoß lagen die restlichen 60 Leute einschließlich 20 Feldwebel.
Auf dem Hof stand eine Bretterbude mit 10 japanischen Holzbadewannen, und gleich am ersten Tag sollten wir ein heißes Bad nehmen, da wir ja seit 10 Tagen nicht aus unseren Klamotten gekommen waren. Das Baden ging genau nach Rang und Würde vor sich: zuerst die Herren Feldwebel, dann die Unteroffiziere und schließlich wir Seesoldaten. Aber da die Herren Vorgesetzten sich in der Wanne wuschen und einseiften, statt sich nach japanischer Sitte zuvor zu reinigen und abzuspülen, so kann man sich die Brühe gut vorstellen, die für uns simple Soldaten übrigblieb. […] Zu Spaziergängen bzw. kleinen Wanderungen wurden wir wöchentlich einmal nachmittags ausgeführt, aber das Spießrutenlaufen durch die uns angaffende Bevölkerung machte wenig Spaß. Man machte sich in der Hauptsache Bewegung im Freien, indem man die das Grundstück einzäunende, mit Stacheldraht gesicherte Hecke entlang um einen Teich herum einige Dutzend Mal lief. Im übrigen las man viel und lernte Sprachen.“ (Der Kaufmann Hermann Schäfer über die ersten Monate in Matsuyama.)
„In Matsuyama sind insgesamt 415 Gefangene in drei getrennten Tempelgrundstücken untergebracht. In dem ersten befinden sich 180 Mann, in dem zweiten 80 und das dritte beherbergt 140 Gemeine und 15 Offiziere. Die Verhältnisse sind in allen drei Lagerplätzen gleich. Es sind sehr wenig Krankheitsfälle vorgekommen und Klagen über schlechte Behandlung wurden von keinem Gefangenen vorgebracht. Die große Schwierigkeit liegt hier wie in einigen anderen Lagern darin, daß die Gebäude ihrem Charakter nach zur Unterbringung von Gefangenen ungeeignet sind und daß bei der sehr beschränkten Ausdehnung des Tempelbezirks nur ungenügender Platz zum Wohnen und Schlafen und noch weniger Raum für den Aufenthalt im Freien zur Verfügung steht.“ (Bericht des Amerikaners Sumner Welles, Besuch 16. März 1916)
Titelblatt.
Zeitschrift „Lagerfeuer.“

In der ab Januar 1916 wöchentlich erscheinenden Zeitschrift des Lagers Matsuyama, in dem Bohner bis 1917 gefangen war, scheint er (namentlich gezeichnet) nichts veröffentlicht zu haben. [2]


Titelseite der Baracke, Silhouette eines Passagierdampfers fährt in den Sonnenuntergang.
Eine der letzten Ausgaben der Lagerzeitschrift Baracke als man, wie das Titelbild zeigt, bereits auf die Repatriierung wartete.

lager bandō (märz 1917 bis jahreswende 1919/20)

Untergebracht war Hermann Bohner in Baracke IV, Raum 7. Die Barcken waren jeweils etwa 73 Meter lang, in der Mitte war ein drei Meter breiter Eingangsbereich von dem zwei Gänge wegführten, an denen links und rechts die Stuben lagen.
Im erwähnten Katalog des DIJ sind 44 Beiträge Bohners in den Lagerzeitschriften von Bandō (板東俘虜収容所 heute ドイツ村公園 徳島県鳴門市大麻町桧, 〒779-0225 Tokushima-ken, Naruto-shi, Ōasachōhinoki, Maruyama) nachgewiesen. [3] Darunter auch häufig Banales, wie z. B. die Meldung im Täglichen Telegramm Dienst vom 28.11.1918: „Der Vortrag Donnerstag fällt aus.“ Im wesentlichen beschränken sich die Meldungen von/über Bohner im Täglichen Telegramm Dienst auf Ankündigungen von Vorträgen zu Kunst und Malerei, die er regelmäßig gehalten hat. (Neben Meldungen wie: „Neu eingelegte saure Bratheringe zu empfehlen“ 27.01.19)
Das im Juni 1919 gedruckte Adressverzeichnis gibt Bohners Heimatanschrift als: „Frau H. Bohner, Rennerhofstr. 23, Mannheim.“

Im folgenden nur solche Artikel (im Original alle in Kurrentschrift), die eine gewisse Substanz haben:

Gespräche über Malerei: Skizzen zu den Donnerstagsabenden – Bandō März 1918/19; Bandō 1919 (Lagerdruckerei des Kriegsgefangenenlagers), 212 S.; gr. 8°
Widmung und Vorbemerkung: Diese kleine Arbeit, die nichts weiter sein will als eine kleine Zusammenstellung des an unseren Abenden hauptsächlich verwandten Materials, ist gewidmet und zugedacht lediglich denen, die an diesen Abenden teilnahmen; ihnen soll sie es ermöglichen, auch späterhin, nach Jahren, wer weiß wo? unter im Großen, wie im Kleinen andern Bedingungen, sich den ungefähren Gang und Inhalt der Gespräche ins Gedächtnis zurückzurufen. H. B.[5]

Weiterhin wirkte Bohner mit an der Zusammenstellung der: „Beiträge zur Ostasienkunde:“ Sammlung literarisch-wissenschaftlicher Arbeiten deutscher Kriegsgefangener in Japan 1914–20; Tōkyō (OAG); Sert.: Mitteilungen der OAG, XVIII;. Darin: „Kurzer Bericht über die Tätigkeit im Lager Bandō, soweit sie auf Ostasien Bezug haben,“ S. 262-275[6]

Lagerdrucksachen

(Zum Vergrößern einzeln anklicken.)

Postkarte auf ockerfarbenem Karton. Seesoldat links, 2 Überseekoffer, Passagierschiff in Grautönen. Darunter: „Meine Adresse ist von jetzt an.“ Farbige, perforierte Briefmarken der Lagerpost. Oben, zu 2 Sen, je ein Exemplar postfrisch und gestempelt. Darunter ein postfrisches Exemplar der 5-Sen Marke, in der Mitte braun eine Baracke. Im Halboval oben links 5, rechts sn. Unter dem Bild „Lagerpost Bando.“ Hochformatiger Standardbriefumschlag, hellblauer Druck,  zum Bargeldversand mit vier blau-violetten Siegelmarken in den Ecken Siegelmarken. Mittig statt Frankatur ein japanischer „Frei für Kriegsgefangene“-Stempel. In den Zwischenräumen Angaben zu Betrag, Empfänger und Absender sowie Kontrollvermerke. Im oberen Drittel eine Kohleradierung eines Wachturms und hölzernen Lagerzauns. Unten, zwischen Zierranken eingefaßt Text: „Unseren Landsleuten in Ostasien ...“ darunter Raumm für Unterschriften.