A. GESCHICHTLICHE HAUPTWERKE

Jinno-Shōtōki
神皇正統記

No. 1: Jinno-Shōtōki: „Buch von der Wahren Gott-Kaiser-Herrschaftslinie.“ Verfaßt von Kitabatake Chikafusa. Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Dr. Hermann Bohner. Japanisch-Deutsches Kulturinstitut, Tokyo.
Band I: 1935, Band II: Showa 14. Jahr. (1939); Hlwd. 4°

Die Druckkosten übernahm die Stiftung Harada Shakuzenkai (原田積善會)

Band I,
Erster Teil: Einführung (Japanische Geschichte in ihren grundlegenden Elementen und Ideen, von frühester Zeit bis auf die Höhe des Mittelalters) S. 1-188
Zweiter Teil: Text (Übersetzung) S. 189-336
Band II Erläuterungen u. a.
a) Worte des Ōmachi Keigetsu zu Jinnōshōtōki S. 7-32
b) Kommentar zum Haupttext, Anmerkungen S. 33-284
c) Register S. 285-346

„Rudolf Mahnfeldt zugeeignet.“  [1]

Sinn und Bedeutung des Werkes (Erläuternde Bemerkung):

Im Dienste der Vermittlung des gegenseitigen Verständnisses der Völker ist es die Aufgabe, das Zentrale, welches ein Volk bewegt, herauszustellen, Werke zu übersetzen und nahezubringen, welche dieses Zentrale zeigen und tragen. Im Japanischen gibt es kaum ein zentraleres Werk als das (wenige Jahre nach Dante's Divina Comedia geschriebene) Jinnōshōtōki.

Wie dasselbe als großes Werk japanischen Schrifttums überhaupt gilt, gleicherweise seines Inhalts wegen (so u. a. als hervorragendes geschichtliches Quellenwerk) wie seiner Form wegen bewundert, so ist es insbesondere in der erwachenden Neuzeit Japans das fundamentale Werk der für die Gründung des modernen Japan entscheidenden Epoche geworden.
In Chikafusa's Gedanken fortfahrend, sie fortsetzend schuf Mitsukuni, Fürst von Mito, das Dai-Nihonshi (Groß-Japan-Geschichte, 243 Bände) und diese Gedanken schlugen wie Wellen über die japanischen Lande und führten zu den Großtaten der Meiji-Zeit“ (Keigetsu). Um Fernerstehenden es deutlich zu sagen, mag man den Ausdruck gebrauchen, dass das Jinnōshōtōki, quoad Japan, etwas von dem „Buch der Bücher“ an sich habe. Eine genaue Parallele zu dem im Auslande gibt es hier natürlich nicht, vor allem gibt es kein Werk, das derart einheitlich machtvoll wie im Abendland in die Mitte gestellt worden wäre oder heute gestellt würde. Das Jinnōshōtōki ist durch lange Zeiten hindurch in diese Mitte getreten, es hat geradezu, ins Dainihonshi sich ausweitend, in jenen kritischen Tagen, da das Abendland Japan überrennen wollte, von solcher Mitte aus diesem Abendlande die Stirn geboten.“ (Aus der Einleitung) Regnum-Sacerdotium.

Wie das Abendland, auf christlich-römisch-griechischer Basis gründend, anlässlich der Tod- oder -Leben bringenden Krise des Einfalls der Araber sich konstituiert und „Äußeres Reich“ (Regnum, Staat) und „Inneres Reich“ (Sacerdotium, Kirche, Papst) sich aufs engste verbinden, die Araber zurückschlagen (Xeres de la Frontera, Karl Martell) – ebenso sind Odō (王道; Regnum) Hōdō (法道; Sacerdotium.) die für Japans Wesen und Geschichte wesenswichtigen Mächte. Jinnōshōtōki ist erfüllt von ihnen, gibt ihre japanische Begründung und Entfaltung, ist das große Ringen um die „Universalmonarchie.“ Armada-Schlacht.
Chikafusa schreibt angesichts der großen Krise des Mittelalters in dieser Odō- und Hōdō-Entwicklung. Er schreibt angesichts des Erweises der zu der wahren „Universalmonarchie“ stehenden Gottheit, der Besiegung der unbesiegbar erscheinenden, übermächtigen Mongolen-Armada. „Im Jahre VIII/VI griff die Mongolenstreitmacht, viele Schiffe zueinander reihend, (freventlich) unser Land an. Bei Tsukushi war eine grosse Schlacht. Die leuchtende Gottheit, ihre Macht kundtuend, in Gestalt gegenwärtig, schlug sie zurück. Ein starker Sturm erhob sich plötzlich und alle die vielhundert Räuberschiffe kenterten, zerbrachen und versanken. Die Zeit mag eine Spätzeit sein – der leuchtenden Gottheit Macht und Wesenskraft zeigt sich gewaltiger als alles Denken, der Eidschwur-Bund ist ohne Wandel: das ist, was man der aus entnehmen muss “ (Jinnōshōtōki).
Von ebensolch entscheidender Bedeutung wie für das englische Bewußtsein das „Deus afflavit et dissipati sunt“ (1588) geworden ist, ist dies Mongolen-Armada-Erlebnis für das japanische Bewusstsein. Dabei erfolgt dem letzteren, bezw. Chikafusa der Sieg aufgrund der Hingabe des Himmels- (oder Gottes-)Sohnes, welcher – König, Priester und Prophet – sich selbst zum Opfer darbietet – „Nimm mich, und laß das Volk leben!“ – und welcher so das Volk, die Gesamtheit rettet. Diese (dreifache) Mittlerschaft, als das Zentrale der „Universal-Monarchie“ erfüllt das Werk und weist in die Japan-Zukunft fort.

Divina Comedia und Jinnoshotoki:

„Was Dantes Divina Comedia seit ihrer Entstehungszeit von 1300–1319 für die italienische Sprache als einigende Kraft und für die Weltliteratur als einer ihrer ersten Sterne bedeutet, weiß das Abendland. Daß es in Japan ein Seitenstück zu der berühmten Wanderung durch die Welt von der Holle zum Himmel gibt, das für die dortige Entwicklung Ähnliches bedeutet, fast zur selben Zeit (1339 bis 1343) entstand und verwandte reichserneuernde Wirkung hatte, das erfuhr das Abendland eigentlich erst durch die Bücher des Deutschen Hermann Bohner. Als Bohner, von China nach Japan kommend, auf der Suche nach letzten staats-philosophischen Erkenntnissen fragte: „Was ist nun eigentlich Japan?“ – da gab man ihm das Jinnōshōtōki, als Schlüssel zum Innersten, zum Wesen Japans, zu seinem Kokoro (Herzen) in die Hände.

Haushofer, [2] von dem diese Worte stammen, geht im einzelnen der Parallellität der beiden Werke, ihren volkswirtschaftlichen sozialen Bedingungen und Gegebenheiten nach; er verfolgt Schritt für Schritt, Zeitalter für Zeitalter die in unsrer Einführung gegebene Entwicklung der bestimmenden und miteinander ringenden Mächte – Ausführungen, die hier nicht im einzelnen gegeben werden können – und findet absehliessend: In Deutschland gebe man mit gutem Grund den Italien-Suchern immer wieder Dante in die Hand, um damit beim Fühlungnehmen mit der Seele von Land und Volk jenseits der Berge anzufangen. Ebenso aus tiefsten Grundlagen her sei das Jinnōshōtōki dasjenige Werk, das man dem Fremden, dem Neukommenden in die Hand lege auf die Frage, was denn Japan eigentlich sei. Und fährt er fort, es kann nicht die Aufgabe dieser knappen Zusammenfassung sein, den Reichtum der in Bohner's wesenstreuer Übersetzung 145 enge Seiten füllenden Staatsdichtung auszuschöpfen und damit eine Fundgrube japanischer Staatsphilosophie erschöpfend zu erschliessen. Aber sie sollte den Gedanken anregen und den Zweck erfüllen, das gediegene Werk des viele Jahre im Fernen Osten arbeitenden Deutschen Hermann Bohner der deutschen und der italienischen Fernost-Kenntnis nahezubringen.


Rezensionen

Das Buch wurde in verschiedenen Fachzeitschriften besprochen. Nur den 1935 erschienen ersten Band betrachtete Walter Donat in der Zeitschrift nippo 1936 (Volltext: pdf pdf oder djvus .djvu). Lobend äußerte sich der in Tokyo lehrende Jesuit J. B. Kraus 1938 im ersten Heft der neu begründeten monumenta nipponica, über Band 1. Beide Bände konnte dann H. Zachert 1940 in Vol. 3, № 2, S. 612, abdecken.


(von Adi Meyerhofer)

Es sei darauf hingewiesen, daß das Jinnō shōtōki in späterer Zeit zur „Geschichte, vom Sieger geschrieben“ wurde und eine wesentliche Rolle in der Entwicklung der Kokugaku[3] und daraus folgend der militaristischen Kokutai-Ideologie, [4] die zur Zeit von Bohners Übersetzung ihren Höhepunkt erreichte, als Grundlagenwerk spielte. [5]

Kitabatake Chikafusa (1293–1354, 北畠親房)
war ein Hofadliger, der während der Namboku-cho-Ära (1337–92), der als hochrangiger Beamter fünf Tennō diente. (Chūnagon 1319, Dainagon 1323, Lehrer des Prinzen Yonaga, nach dessen Tod 1331 ins Kloster; 1333 als Daijin.) Am größten war sein Einfluß unter Go-Daigo (*1288, reg. 1318–39, exiliert 1331–33, Flucht nach Yoshino Jan. 1337 ), dem er zu zahlreichen restorativen Reformen riet, die auf eine Wiederherstellung der Macht des Herrschers in Anlehnung der Verhältnisse zur Nara- und Heianzeit abzielte. Go-Daigos Amtsführung war durch zahlreiche Mängel und unglückliche Einzelentscheidungen geprägt. Sie führte in Verwaltung und Rechtsprechung zu höchster Unordnung.
Kitabatake, aus der Murakami-Linie der Minamoto (Nachfahren des Murakami-Tennō, *926, r. 947-67) kämpfte auf der Seite des Südhofes. Seine Schriften zeigen seine Abneigung gegen die Ashikaga, die sich als Shogune auf den Nordhof stützten. Er verachtete besonders Ashikaga Takauji, nicht nur wegen seiner Usurpation 1335/8, sondern wegen seiner – im Vergleich zu Kitabatake – geringeren Herkunft und seiner im höfischen Umfeld ungehobelten Manieren. Letzteres kritisierte er auch am Unterstützer des Südhofes Nitta Yoshisada (im Juli 1333 Zerstörer Kamakuras und der Hōjō; † Aug. 1338), was wohl in Wirklichkeit eher darauf zurückzuführen ist, daß er Nitta für den Tod seines Sohnes Kitabatake Akiie ( 1338) verantwortlich machte.
Als Go-Daigo 1339 starb, wurde Kitabatake, der auch ein fähiger Kommandeur war, gerade in seiner Burg in Hitachi belagert. Dem 12jährigen Go-Murakami (1328-68) sandte er seine Werke als Ratschläge für die Amtsführung. Er kritisierte besonders die landhungrigen Beamten (shugo und jitō) und wollte das System der Landverteilung und -besteuerung auf traditionelle Vorbilder zurückführen. Zwar war er bereit dem Schwertadel einige Rechte zuzugestehen, betrachtete sie jedoch prinzipiell als Gegner der kaiserlichen Herrschaft. Am Südhof, dem es 1351 gelingt die Reichsinsignien zu gewinnnen, wirkte er bis zum Tode als einigende Kraft.
Das Jinnōshōtōki entstand ebenso wie das Shokugen-shō („Kurzer Bericht ber die Enstehung der Ämter,“ 職原抄) noch während der Belagerung 1339 bezw. Flucht 1341. Das erstere wurde dann 1343 überarbeitet und 1649 erstmals gedruckt. [6]