Hermann Bohner – Arbeiten und Veröffentlichungen Ostasien betreffend

Hermann Bohner – Arbeiten und Veröffentlichungen Ostasien betreffend

Seami und Nō

Der Webseitengestalter muß gestehen, daß er – auch während seines Aufenthalts in Japan – keinerlei Beziehung zum Nō bzw. japanischen Theater allgemein entwickelt hat. Eine Kommentierung desselben aus eigener Kenntnis unterbleibt daher. Es wird daher nachfolgend auf Quellen andrer zurückgeriffen.


Vorbemerkung

Den zentralen Bereichen des Regnum (王道) und Sacerdotium (法道), wie sie Jinnō-Shōtōki (№  1) und Shōtoku Taishi (№ 2, № 3) zeigen, schließen sich die im Tiefsten aus jenem Zentralen gespeisten Bereiche der Kunst und Ausdrucksgebung an: Plastik, Theater, Dichtung, Musik, – Bereich an Bereich, Jahrhunderte hindurch wachsend, jeder Bereich für sich im Japanischen grosse menschheitliche Leistung. Sachliche Betrachtung ist im Japanischen besonders not; oberflächliche oder schwärmerische, wie sie den Künsten gegenüber so leicht sich gibt, führt ins Abwegige. Bahnbrecher des Japan-Verstehenwollens wie Lafcadio Hearn1 sind daran gescheitert.

Nō, oft das japanische klassische (oder auch lyrische klassische) Drama genannt, ist eine Gesamtschöpfung, welche als solche derjenigen griechischen Dramatik an die Seite gestellt werden mag, die Jahrhunderte der Frühzeit, Asuka-, Nara-, Heian-2, gewachsen, dann auf der späten vollen Höhe japanischen Mittelalters in der Zen-erfüllten Muromachi-Zeit (= Ashikaga; 1333/6 oder 1392 bzw. 1473 bis 1568/73) von den großen Kanami (顴阿彌, 1333-1384) und seinem ihn überragenden Sohn Seami (d. i. Yūsaki Motokiyo, 世阿彌, 1363-1439. Bohner schreibt in seinen frühen Werken Zeami) zu dem gemacht und vollendet, als welches wir heute Nō kennen. – Wie die griechische Dramatik als große unvergängliche Gesamtschöpfung des Griechentums, so wird die japanische Nō-Dramatik mit ihren Hunderten von und Kyōgen als die große Schöpfung japanischen Geistes und Volkes erkannt werden müssen. Aus Ihr, wie aus einem Sproß, wächst Kabuki, heute von hervorragendem amerikanischem Theaterfachmann als höchste Schauspielleistung der Welt gepriesen, sowie das in seinem Reichtum noch so gut wie unmoderne japanische Theater.

Kanami, der Vater, ist der Initiator des großen Nō; Seami der Sohn, ist derjenige, welcher es zu höchster Entfaltung und Vollendung führt. Mehr als die Hälfte heutiger Nō stammen von ihm; er ist der große Schauspieler der Zeit, der Intendant und Nō-Organisator, kurz der Nō-Praktiker und (aus der Praxis her) der Nō-Theoretiker kat' xōchen. Während von Kanami über Nō nichts auf uns gekommen ist, sind von Seami große umfangreiche theoretische Werke, Nō betreffend, die sog. Sechzehn Bu, erhalten geblieben. Als dieselben vor einigen Jahrzehnten aus Jahrhundert-langer strengster Geheimtradition ans Licht der allgemeinen Öffentlichkeit kamen, war dies für die Welt ein erschütternd großes freudiges Erlebnis. Als ich zu übersetzen begann, war Seami von abendländischer Wissenschaft so gut wie nicht berührt. (Man vergleiche daraufhin Nachod's dreibändige Japan-Bibliographie mit ihren 13595 Nummern!) Das gesamte Werk der Sechzehn Bu – von mir übersetzt, liegt schon lange manuskript-druckbereit-fertig vor und wäre im gesamten längst veröffentlicht, wenn der Weltkrieg nicht gekommen wäre.

Die Schriften Seami's sind gewichtiger Natur; sie sind trächtig mit Nō. Das Werk Nō-saku-sho "Buch der Nō-Gestaltung" (№ 19) gibt ins Einzelnste gehende Anweisung, wie ein Nō geschaffen gestalten ist:

  1. ) „Same“ (Stoff, Fabel),
  2. ) Aufbau, Gliederung jedes Nō, bis in die einzelnen „Sätze“ und Partieen gebend (Vergleichsweise wie bei Sonate oder Symphonie),
  3. ) Wortgestaltung.

Die 3 Haupttypen des Nō werden besprochen, vorbildliche Nō für jeden der Typen genannt. Sonderarten, Kinderrollen, Rollen für Bejahrte besprochen. Das Kleinod-gleiche Werk „Der Neun Stufen Folge“ (Kyū-i-shidai, № 18) stellt in unvergleichlicher treffender Kürze die 3mal 3 Stufen aller Kunst, ja alles wahren Schaffens dar, Goethe's „Wilhelm Meister“ und dessen Lehrling-Geselle-Meister-Stufen verwandt, vortrefflich die Grenzscheide zeigend, über welche hinaus wahre Meisterschaft, wahres Nō beginnt. Kadensho („Der Blume Überlieferung“ d.i. „Weitergabe“), das Leben und seine Lebensalter, Stufe um Stufe durchschreitend, ist eine wahre Schauspielerschule, will dem heranwachsenden, werdenden Menschen die Kunst und mählich ihr Innerstes, „die Blume,“ übergeben. (Da unterdes englische Übersetzung3 erschienen und so dem Abendländer der Zugang geschaffen ist. stellte ich Veröffentlichung der eignen Übersetzung zurück). Das umfangreiche Werk „Blumenspiegel“ (№ 18) gibt in „Sechs Motto“ und „Zwölf Themen“ die Summa jahrzehntelangen Wirkens und Ringens Seami's, des Meisters. Das fast abruptkurze Shikwa-dōshō (Buch von der höchsten Blume Weg № 19), über die ausführlichen andern Werke wie ein mächtiger Gipfel hinausragend, nennt noch einmal Elementarstes, Wesenselemerate, ohne welche diese Kunst nicht sein noch leben kann.


L. Hearn

Anmerkungen:
1) Zur Peron aus wikipedia: Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (japanischer Name: 小泉八雲 Koizumi Yakumo; *27. Juli 1850 in Lefkas, Griechenland, †26. September 1904 in Tōkyō) war ein Schriftsteller irisch-griechischer Abstammung, dessen Werke das westliche Bild von Japan im beginnenden 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben.
… Sein Vater war der britische Militärarzt Charles Bush Hearn, der auf der Insel Santa Maura (das antike Leucadia) stationiert war (die Kykladen waren zu dieser Zeit „unter britischer Verwaltung;“ [vgl.: Mousson, Albert; Ein Besuch auf Korfu und Cefalonien; Zürich 1859 (Schulthess); reprint: Athen 1982 (Dion. Karavias)]); seine Mutter die Griechin Rosa Tessima. Als Lafcadio Hearn zwei Jahre alt war, brachte sein Vater ihn und seine Mutter nach Dublin zu seiner Großtante Justine Brenane. Lafcadios Mutter war dort unglücklich in der tristen Umgebung, daß sie bald darauf Sohn und Familie verließ und verschwand. Kurze Zeit später fiel sein Vater in Indien.
1863 wurde Lafcadio auf das St. Cuthbert's College nach England gebracht. Auf Grund der fehlenden finanziellen Mittel reichte es aber nur zu sporadischem Schulbesuch. Auf dem College erblindete er durch einen Unfall auf einem Auge und das andere wurde durch die Überanstrengung ziemlich beeinträchtigt. Von Kindesbeinen an war Lafcadio schon sehr scheu und sensibel, durch die Erblindung empfand er sich auch noch als häßlich. Zwischen 1866 und 1867 lebte er mittels eines kleinen Stipendiums in London und besuchte dort eine katholische Schule. Wegen schlechten Benehmens flog er von dieser Schule und 1869 zahlte ihm seine Großtante die Überfahrt nach Amerika.
Bis 1874 arbeitete Hearn in Cincinnati in einer Druckerei, wo er vorher eine Druckerlehre absolviert hatte. Dort kam er auch mit den Werken von Gustave Flaubert und Charles Baudelaire in Berührung. 1877 ging Hearn als Journalist nach New Orleans und begann auch aus dem Französischem und Spanischen zu übersetzen.
Einige Zeit arbeitete Hearn als Journalist auch in New York. Da ihm diese Stadt sehr bald zu hektisch wurde, ging er 1890 nach Japan. Nach einigen Monaten konnte er sich als Sprachlehrer in Matsue etablieren. Dort wurde er trotz des ausgeglichenen Klimas sehr krank und auf Anregung eines Freundes heiratete er 1891 Setsuko Koizumi, die Tochter eines veramten Samurais, zum Dank für die Pflege die sie ihm angedeihen ließ. Mit ihr hatte er eine Tochter und drei Söhne.
Bei der Heirat hatte Hearn den japanischen Namen Koizumi Yakumo angenommen. 1895 wurden ihm dann auch die japanischen Bürgerrechte verliehen. Das bedeutete allerdings auch, daß er ab da nur noch Anspruch auf das Gehalt eines einheimischen Lehrers hatte. Er lebte ca. für ein Jahr in der Küstenstadt Matsue. 1896 vermittelte ihm Basil Hall Chamberlain eine Stelle als Professor für englische Literatur an der kaiserlichen Universität in Tōkyō.
Am 26. September 1904 erlag Lafcadio Hearn in Tōkyō einem Herzinfarkt. Im Tōkyōter Stadtteil Shinjuku, in Okubo, ist heute an der Stelle von Lafcadios früherem Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht.“
Von und über Hearn, dessen Werke das westliche Japanbild entscheidend mitgeprägt haben, existiert sehr viel Literatur. Vgl. dazu: Eine Bibliographie der Bibliographien von/über Hearn. Sowie ein Verzeichnis seiner Werke bzw. über ihn. [ ▲ ]
2) Frühe japanische Epochen nach Nelson S. 1017: Asuka [= Suiko] 552-645, frühes Nara [= Hakuhō] 645-710, spätes Nara [= Tempyō] 710-794, frühes Heian [= Kō] , 794-866/98, spätes Heian [= Fujiwara] 866/98-1160/85. [ ▲ ]
3) Vgl. dazu Waley, Arthur; The No Plays of Japan; New York 1922 (Alfred A. Knopf)
Weitere  Übersetzungen Waleys online (pulic domain). [ ▲ ]

Noh Maske 1 Noh Maske 2 Noh Maske 3 Noh Maske 4
Nō Masken

№ 16: Buch von der höchsten Blume Weg (至花道書, Shikwa-dōsho)

OAG Mitteilungen: Band XXXIV, B (1945), 15 S.

  1. ) Die Zwei Weisen (des Nō: Plastik, Tanz – Musik) und die Drei Typen (der Alte, der Krieger, das Weib)
  2. ) „Alles Spiel bedarf des Herrn des Spiels“
  3. ) Rang der Reife
  4. ) Haut, Fleisch und Knochen (Gleichnis, der Pinsel-Schrift entnommen)
  5. ) Von Tai (, Substantia) und Yō (, accidens).

Bibliotheksbestand: LB Speyer


№ 17: Der neun Stufen Folge (Kyū-i-shi-dai)

OAG Mitteilungen: Band XXIV C, Tōkyō 1943, 17 S.

Einführung: S. 1-11
Text: S. 12-17
Untere Stufen: 1) grob und bleiern, 2) stark und grob, 3) stark und fein-achtsam-genau
Mittlere Stufen: 4) Muster (Schönes untief), Einganstor des Lerners; 5) Weitumfassend-durchdrungen, Paßscheide des Auf- oder Aufwärts; 6) Blume (erstmals) wahr
Obere Stufen: 7) Blume, leicht und frei; 8) Hold-innig-tief. „Schnee Berge, einsamer Gipfel ragt und ist nicht weiß.“; 9) „Worte versagen, Herz und Sinnen stehn still.“

Bibliotheksbestand: LB Speyer


№ 18a: Seami (Zeami): Blumenspiegel (花鏡 KWAKYO, Hana-no-kagami)

I. Teil: Die Sechs Motto (Daimoku Rokka-jō)
Tōkyō 1953. OAG

№ 18b: Seami (Zeami): Blumenspiegel (花鏡 KWAKYO, Hana-no-kagami)

Zweiter Teil: Die Zwölf Themen (Kotogaki [Jisho])
OAG Tōkyō 1954

  1. ) Vom richtigen Gefühl für Zeit und Augenblick
  2. ) Von Anfang-, Mittel- und Endspiel
  3. ) Vom Wissen um den Weg des Lernens
  4. ) Von des Meisters Wissen um das Ergreifende
  5. ) Vom Untiefen und vom Tiefen (Vom Kleinen und vom Grossen)
  6. ) Vom Eingehen in den Bereich des hohen Schönen
  7. ) Vom Vorsicht-üben bei dem Zu-Jahren-kommen
  8. ) Vom Einen Herzen, das das Zehntausendfache Spiel (wie) am Faden hält
  9. ) Vom Wundersamen
  10. ) Von der Aufnahme (des Spiels durch die Zuschauer)
  11. ) Von Ongyoku (der Musik)
  12. ) Vom Geheimen (Abschluss und Summa)

Beide Teile: Wiesbaden 1953-54 (Harrassowitz in Komm.), Mitteilungen d. Deutschen Gesellschaft für Natur- u. Völkerkunde Ostasiens. 34 A, 1,2

Bibliotheksbestände beider Teile:
UB HD (Jap. Sem.); 1: Die sechs Motto 35/1-13
Berlin 1/1a: 26761
JF-Cologne(JKI) ; 1: Die sechs Motto 773 Zea 3.1 10272 ; 2: Die zwölf Themen 773 Zea 3.2 10273
Marburg BJZ; 2: Die zwölf Themen 77-32/Z-3
Japan Foundation, Tōkyō (Kouriyuukikinhonbuto); 1: Die sechs Motto 037214 ; 2: Die zwölf Themen 037216
Ōsaka University of Foreign Studies (Hangaidai) 2 :Die zwölf Themen 773 2 2 0009587020; 1 : Die sechs Motto 773 2 1 0005366748
Nichibunken (Kyōtō); 2: Die zwölf Themen PN 2924 Ze 00269979


№ 19: Seami (Zeami): Nō-Saku-Sho (能作書, Buch der No-Gestaltung)

Tōkyō 1954 OAG

Deutsche Ges. f. Natur- u. Völkerkunde Ostasiens; Wiesbaden 1954 (Harrassowitz in Komm.), 53 S., 8°; Schriftenreihe: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens; 34, D

Einleitung S. 1-23
Haupttext S. 24-37
Anmerkungen S. 38-53

Bibliotheksbestände:
UB Marburg BJZ; DIJ, Tōkyō; DDB (Frankfurt); Kongelige Bibl. Kopenhagen; Bodleian Lib. Oxford, UB Cambridge (GB), BSB München, UB Köln; LMU (19), UB ER (29), 1/1a: Ser. 1171-34, D


№ 20: 

von Hermann Bohner „umfangreiches Werk über Nō, von dem Japanisch-Deutschen-Kulturinstitut Kyōtō vor mehr als einem Jahrzehnt zur Veröffentlichung übernommen. Drucklegung wegen Atombombengefahr zurückgestellt. Teile davon erscheinend.“

№ 20a:  „Gestalten und Quellen des Nō“

von Hermann Bohner. Herausgegeben von der Zeitschrift Gakuhō (Osaka University of Foreign Studies) und OAG. Tōkyō-Osaka 1955.

Hrsg. von d. Zeitschrift "Gakuhō" Ōsaka-Gaikoku-go-Daigaku u. d. Deutschen Ges. f. Natur- u. Völkerkunde Ostasiens; Tōkyō; Leipzig 1955 (Harrassowitz in Komm.), 1955; 70 S. 8°; Schriftenreihe: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens 34, E);

  1. ) Die Gestalten. Der grundlegende Charakter der Erst-bis Fünftspiele sowie dementsprechend ihre Gestalten. Zeitliche und örtliche Entfaltung der No und ihrer Gestalten
    a) Urzeit
    b) Rezeption
  2. Quellen d.i. Quellenschriften
    1) Japanisches a) Epische Werke b) Lyrik
    2) ohne besondere Quellen
    3) Chinesisches

Bibliotheksbestände:
1/1a: Ser. 1171-34, E; DDB (Leipzig); LB Speyer; UB HD (Jap. Sem.); JF-Cologne(JKI); DIJ (Kyōtō) B 3424; Japan Foundation Tōkyō; UB Rikkyu Toshima-ku Tōkyō


Weitere von Bohner verfaßte Schriften zum Nō und Übersetzungen der Werke Seamis, die nach Erscheinen seines Werksverzeichnisses veröffentlicht worden sind. Manche der Manuskripte [Ms.] finden sich in Deutschland in der UB Trier. Gedrucktes in der Staatsbibliothek Berlin [1/1a] und vielfach in den Präsenzbeständen der deutschen Bücherei Frankfurt und Leipzig [DDB] sowie der pfälz. LB Speyer. Es konnten jedoch nicht alle Werke in Deutschland nachgewiesen werden. (Es steht zu vermuten, daß sich die meisten noch im Fundus seiner Universität befinden.)